Nachrichten:Finnland: Das nette AKW von nebenan

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Spiegel Online, 08.07.08

Finnland:

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Das nette AKW von nebenan

Aus Eurajoki berichtet Sandra Schulz

Wenn es um die Kernkraft geht, strahlen alle in Eurajoki. Arbeitsplätze, ein Blasorchester und sogar Wein aus eigenem Anbau - den Atommeilern haben die Menschen in "Finnlands elektrischster Gemeinde" viel zu verdanken. Sicherheitsbedenken kennen sie nicht.

Eurajoki - Direkt an die Schnellstraße, hoch über Butterblumen und Klee, haben sie ein riesiges Plakat hingestellt: "Eurajoki. Finnlands elektrischste Gemeinde". Rechts oben sieht man das Kernkraftwerk, in der Mitte schlägt ein Mädchen im rosafarbenen Bikini Rad auf dem Bootssteg, ganz unten lachen Vater, Mutter, Kind. Auch der Bürgermeister lacht.

Atommeiler in Eurajoki: "Wir sehen, dass die Kontrolle funktioniert" Zur Großansicht DPA

Atommeiler in Eurajoki: "Wir sehen, dass die Kontrolle funktioniert" "Wir sind stolz darauf, eine Atomstrom-Gemeinde zu sein", sagt er. "Und wir verstecken das nicht." Schließlich komme ein Fünftel des in ganz Finnland produzierten Stroms aus Olkiluoto. "Und wussten Sie, dass es ein Mann aus Eurajoki war, der 1845 das finnische Wort für Elektrizität erfand?" Sähkö heißt es. Eurajoki mit seinen 5800 Einwohnern ist das dem Kernkraftwerk nächstgelegene Städtchen, knapp 20 Kilometer davon entfernt.

Zwei Siedewasserreaktoren, dunkelrot gestrichen wie die Holzhäuser in der Region, umgeben von Bäumen und Elchen, stehen schon auf der Insel Olkiluoto, ein Druckwasserreaktor wächst gerade in die Höhe. 21 Gemeindevertreter Eurajokis hatten damals für den Bau von Olkiluoto 3, das fünfte Kernkraftwerk Finnlands, gestimmt, nur sechs dagegen. In Helsinki war die Zustimmung nicht ganz so groß. Im Jahr 2002 verließen die Grünen wegen Olkiluoto 3 sogar schon mal die Regierung. Dennoch fand sich die nötige parlamentarische Mehrheit.

Eigentlich sollte Olkiluoto 3 schon nächstes Jahr ans Netz gehen. Nun ist der Start für Sommer 2011 vorgesehen, immer wieder kam es zu Verzögerungen beim Bau, die Strahlenschutzbehörde wies auf zahlreiche Mängel hin. Kein Grund für Eurajokis Bürgermeister Harri Hiitiö, sich die Laune verderben zu lassen. "Nein", sagt er. Das Vertrauen in die Sicherheit des neuen AKW sei nicht geschwunden. "Es ist eigentlich genau anders herum: Wir sehen, dass die Kontrolle funktioniert."

Nicht, dass die Menschen in Eurajoki, in diesem freundlichen, aufgeräumten Ort, wo die Stiefmütterchen aus den Blumenampeln quellen, keine Sorgen hätten. Sie sorgen sich um ihre Hunde, die im heißen Auto auf dem Parkplatz hecheln, mahnende Worte hat der Tierschutzverein an die Eingangstür zur Bücherei geklebt. Sie sorgen sich um die Bedürftigen und starten die Strick-Aktion "Socken- und Mützenhilfe aus dem Norden".

"30 Jahre in Symbiose mit dem Kraftwerk"

Der Bürgermeister selbst fürchtet den wirtschaftlichen Niedergang: Zusammenbruch des Finanzsystems, wer weiß, was da kommen könnte. Vor einem GAU aber hat er keine Angst. "Wir haben jetzt 30 Jahre in Symbiose mit dem Kraftwerk gelebt, und keine Gefahrensituation ist aufgetreten."

Die Symbiose drückt sich in Zahlen aus: Auf fünf Millionen Euro im Jahr belaufen sich die Grundsteuereinnahmen der Gemeinde Eurajoki für die bestehenden Reaktoren. Olkiluoto 3 wird jährlich weitere 2,5 Millionen Euro bringen. Dazu kommt ein Teil der Einkommensteuer der Angestellten in der Atomindustrie. Insgesamt ein Viertel ihrer Steuereinnahmen verdankt Eurajoki den Reaktoren.

Die Gemeinde steckt das Geld ins Straßennetz. Sie leistet sich sieben Grundschulen, damit die Schulwege kürzer sind. Und TVO präsentiert sich als der nette Stromerzeuger von nebenan. Der Konzern unterstützt nicht nur Finnlands Eishockey-Nationalteam, er sponsert auch Klassikkonzerte und Kunstmuseen in der Region und das Blasorchester in Eurajoki. Während die Menschen sonst aus der Gegend wegziehen, freut sich der Bürgermeister über neue Gemeindemitglieder, die beim Atomkraftwerk arbeiten. "Die Mehrheit bei uns unterstützt sicher die Atomenergie", sagt er, und TVO tut alles, damit das so bleibt. TVO will, dass sich die Menschen wohlfühlen in der Nähe von Atommeilern.

Deshalb lädt der Konzern ins Besucherzentrum, zu einer Tasse Kaffee auf die Sonnenterrasse mit Blick aufs Kraftwerk oder zur "wissenschaftlichen Ausstellung", Eintritt frei. Dort wird dann der Ursprung von Uran erklärt, eine Einstein-Puppe sitzt vor einer Kuckucksuhr, wackelt mit dem Kopf und verkündet physikalische Gesetze.

Der Trumpf der Kraftwerksbetreiber allerdings ist das Experiment mit dem Geigerzähler. Das Ergebnis: Ein kleiner Granitbrocken strahlt, ein Rauchmelder strahlt, bei Armbanduhren aus den sechziger Jahren fängt das Gerät sogar an zu rattern. Deckt man die Gegenstände allerdings mit Metallplättchen ab, schwingt die Nadel sofort zurück. Die Botschaft: Vieles ist radioaktiv, aber alles halb so schlimm. Man muss nur wissen, wie man damit umgeht. 20.000 Besucher im Jahr gehen mit dieser Botschaft nach Hause - oder gleich ins Endlager für niedrig- und mittelaktiven Abfall, einem beliebten Ausflugsziel für Schulklassen.

Atomwein aus Eurajoki

Mit blauem Helm stapfen die Jugendlichen den Tunnel hinab, sie spüren, wie die Luft langsam kälter wird, nehmen den Fahrstuhl in die Tiefe, sehen das Schild: "Willkommen!", und stehen schon ein paar Schritte weiter in der Halle mit den beiden Silos für strahlenden Müll. Eine Schautafel beruhigt: Radioaktive Substanzen könnten ihren Weg in die belebte Natur nicht finden, und überhaupt: "Die Radioaktivität des Abfalls verschwindet ziemlich bald, innerhalb weniger Jahrhunderte." Jetzt heißt es, schnell auf das Kontaminationsmessgerät steigen, die Hände in den Apparat stecken und sechs Sekunden warten. Dann leuchtet das Wort "clean" auf dem Bildschirm, und Kinder und Atomlobby strahlen vor Freude.

Wenn weiter alles glatt geht, wird auf Olkiluoto nach dem Willen von Regierung und Parlament im Jahr 2020 sogar mit der Endlagerung für hochradioaktiven Abfall begonnen. Früher wurde der radioaktive Müll einfach über die Grenze nach Russland verfrachtet. Seit 1994 aber gilt ein neues Gesetz: In Finnland erzeugter nuklearer Abfall soll in Finnland behandelt, zwischengelagert und endgelagert werden.

Natürlich gab auch die Gemeinde Eurajoki ihr Okay. "Was ist das für ein Verständnis von Verantwortung", fragt der Bürgermeister, "wenn man sagt: 'Aber bitte nicht hier!' Wir können schließlich nicht nur das Gute nehmen." Manches Gute ist dabei nur ein Nebenprodukt. So wie der Wein, auf den sie hier so stolz sind. Zu einem kleinen Acker in der Nähe des Reaktors haben die Atomfreunde Rohre verlegt, um die Erde mit dem erwärmten Kühlwasser frostfrei zu halten. Tatsächlich überstanden die Reben den finnischen Winter, 2006 fuhr man die Rekordernte von 800 Kilo Trauben ein. Jetzt lagern sie den Gewürztraminer vom AKW-Weinberg. Für den Wein wie für das Endlager gilt, was die Unternehmensprecherin von TVO, Anneli Nikula, sagt: "Die Finnen sind sehr pragmatisch. Wir diskutieren nicht so lang."

"Die Polen würden gern wieder kommen"

Mittlerweile denken Finnlands Politiker sogar über einen sechsten Atomreaktor nach, und selbst die Grünen, inzwischen wieder in der Regierung, nehmen es gelassen. Zwar werde die Partei gegen den Reaktor stimmen, aber die Regierung im Fall der Fälle nicht wieder verlassen, geben Grünen-Abgeordnete zu Protokoll. Finnlands Umweltschützer, so scheint es, sind entweder brav oder haben Pech.

Kürzlich trafen sich 60 AKW-Gegner bei Eurajoki, um den Protest zu organisieren. Demonstrationen? Blockaden? Nichts davon. Artig hatte man eine Hütte vom Amt für Staatswälder gemietet, in der Stadt wurde niemand gesehen. Alles, wozu sich die Atomgegner durchringen konnten, war eine harmlose, eine geräuschlose Art des Protests: Ein Luftschiff wollten sie auf die Reise zum Kernkraftwerk schicken, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Doch dann blies der Wind zu stark, und alles wurde abgeblasen.

Dabei regt sich auch in der finnischen Bevölkerung Widerstand. Bei einer Umfrage Anfang Mai erklärten 53 Prozent, sie wollten neben dem neuen Reaktor Olkiluoto 3 keinen weiteren Ausbau der Atomkraft.

Anders sieht man das in Eurajoki. "Wir würden viel dafür tun, dass auch das nächste Kernkraftwerk bei uns steht", sagt der Bürgermeister. Die Facharbeiter, die Olkiluoto 3 bauen, würden bestimmt gerne wiederkommen. Gerade die Polen, heißt es, gehen so gern hier angeln und Pilze sammeln im Wald. Zweimal im Monat kommt sogar ein Priester aus Turku angefahren, der auf Polnisch die Messe hält, und in Eurajokis Bibliothek liegen schon polnische Zeitungen aus.

Auch sonst hat man Wege gefunden, sich gegenseitig glücklich zu machen. In dem Gutsherrenhaus, das früher ein Altersheim beherbergte, residiert jetzt die Betreibergesellschaft des künftigen Endlagers. Posiva zahlte die Miete für 40 Jahre im voraus. Von dem Geld baute die Gemeinde ein neues Seniorenheim. Matti Valtonen, Vorsitzender des Gemeinderates, sagt es so: "Für Eurajoki war das ein Lottogewinn."

"Kernkraft - ja bitte?" Die Energiekrise führt weltweit zu einem Comeback der Kernenergie, viele Länder planen den Bau zusätzlicher Reaktoren. Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, wie die Kanzlerin den Ausstieg aus dem Ausstieg durchsetzen will.


http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,564509,00.html (Teil 1)
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,564509-2,00.html (Teil 2)

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